GameStop

GameStop – ein Drama in drei Akten?

Dieser Text stammt aus dem Monatskommentar meiner Beteiligungsgesellschaft. Er stellt keine Handlungsempfehlung zum Kauf oder Verkauf dar, bitte beachtet auch den Disclaimer am Ende des Textes.

Was für ein Monat! Große Hedgefonds müssen gestützt werden, Broker lassen einen ausschließlich verkaufen, obsolete Geschäftsmodelle werden zu Milliarden bewertet und ein Trading-Mob zwingt einen zum Nachdenken. Vielen von euch, die sich nicht tagtäglich mit dem Finanzmarkt beschäftigen, wird entgangen sein, dass wir diesen Januar einen der ungewöhnlichsten Monate seit Jahrzehnten hatten. Schon in meinem letzten Schreiben habe ich in einer Fußnote auf das auffällige Verhalten von Nutzern sogenannter Trading-Apps/Neobrokern, wie Robinhood oder in Deutschland Trade Republic, hingewiesen. Was diesen Monat passiert ist, hat mich trotzdem überrascht. Auch wenn der Unterhaltungsfaktor groß ist, sollten wir als Gesamtgesellschaft überlegen, ob wir über diese Entwicklung nicht in einem breiteren Kontext diskutieren müssen. Aber beginnen wir von vorne:

Vorgeschichte

Eine neue Generation von jungen Spekulanten ist auf den Markt getreten: ausgestattet mit einer Trading-App bei dem Handeln nicht vom Nutzer bezahlt wird und bei dem nicht überprüft wird, wieviel Ahnung man von Wertpapieren hat. Was man sieht, ist das ein choreografierender Teil dieser Gruppe viel Verständnis vom Markt hat, aber ich würde die überwiegende Mehrheit dennoch als Börsenneulige bezeichnen. Corona-bedingt sperrt man diese Gruppe für ein Jahr ein und lässt sie sich nur online treffen, z.B. auf reddit im Forum wallstreetsbets, welches federführend in dieser Geschichte ist. Da die Gruppe momentan kein Geld ausgegeben kann und mit dem Gefühl lebt, finanziell von der vorherigen Generation gefickt[1] worden zu sein, da sie die Babyboomer durch die Rente finanzieren müssen und die Schulden der Finanz- und der aktuellen Krise zu tragen haben, haben sie kein Problem 100 bis 10 000 EUR zu verlieren. Nimmt man 2.5 Millionen davon, hat man einen Fonds mit mehr als 10 Mrd. EUR, der bereit ist, in eine Aktie egal welcher Größe zu investieren, ob es Sinn macht, spielt erstmal keine Rolle. Denn für sie ist es ein Spiel.

Auf der anderen Seite haben wir in der Finanzwelt Hedgefonds. Bekannt für ihre vorbildlich ausgebildeten Manager, ihre absolut risikofreie Anlage, welche noch nie in der Geschichte irgendwelche Probleme verursacht haben. Diese Crème de la Crème der Finanzwelt ist auf die brillante Idee gekommen mehr als 100% des Freefloats einiger Unternehmen leer zu verkaufen. Also Aktien zu verkaufen, die man sich bei jemandem leiht und selbst nicht besitzt, um auf fallende Kurse zu spekulieren. Ja, richtig gelesen, mehr als das gesamte frei handelbare Aktienkapital wurde von hoch entwickelten und reichlich vergüteten Marktteilnehmern leerverkauft. Wenn man sich fragt, was passiert, wenn die Musik aufhört und mehr Aktien verkauft wurden als vorhanden sind, sollte sich einmal mit einem Siebenjähriger, der Reise nach Jerusalem gespielt hat, unterhalten.

Hauptteil

Was passiert, wenn man den Trading-Mob auf die wohldurchdachte Anlagestrategie der Fondsmanager loslässt, konnte man Ende Januar beobachten. GameStop Inc., der weltweit größte Einzelhändler für Computerspiele mit über 7 000 Filialen, davon eine großer Teil Corona bedingt geschlossen und bedroht von der Entwicklung, dass Computerspiele nur noch heruntergeladen oder gestreamt werden können, hat sich von einem Aktienkurs in der Coronakrise von 2.57 USD, auf einen Kurs Mitte Januar von 18 USD und einer Marktkapitalisierung von 1.2 Mrd. USD innerhalb einer Woche auf eine Allzeithoch von über 400 USD und einer Marktkapitalisierung von ca. 25 Mrd. USD vervielfacht. Ein Short-Squeeze: Etwas bringt den Aktienkurs zum Steigen. Dies kann fundamentale oder emotionale Gründe haben, oder weil sich ein paar Leute zusammenschließen, um eine Aktie nach oben zu kaufen – und dann zwingt die steigende Aktie Leerverkäufer und Optionsschreiber, Aktien zu kaufen, was dazu führte, dass sie weiter steigt, was dazu führte, dass sie mehr kaufen, usw. Den größten Short-Squeeze, den ich bisher miterlebt habe, war Volkswagen in der Finanzkrise, dieser ging von etwa 200 EUR auf 1 000 EUR und war schon verrückt. GameStop sprengt aber alle Dimensionen.

Ein ähnliches Muster war bei etlichen anderen Aktien zu beobachten, darunter AMC (Kinokette in den USA), Blackberry (größter Smartphonehersteller bevor das iPhone auf den Markt kam) und Bed Bath & Beyond (Nippes-Einzelhändler aus den USA). Einige argumentieren, dass die Aktien gekauft wurden, weil die Shortseller ihr Geschäft nicht verstehen – Blödsinn! Bzw. Propaganda, was die Liste der Unternehmen zeigt. Im Moment werden die Börsen nach denjenigen Unternehmen mit den meisten Short-Positionen auf dem Markt durchsucht. Bei vielen dieser Aktien stiegen die Preise bereits. Wahrscheinlich weil Händler und Spekulanten begonnen haben, in Erwartung die nächste Aktie auf wallstreetbets zu sein, diese Positionen zu kaufen. Oder vielleicht decken die großen Leerverkäufer ihre Shorts ab und bringen ein Schild mit der Aufschrift „Mittagspause“ an ihrer Tür an, bis sich der Sturm gelegt hat und die Horde weiterzieht. Und wer kann es ihnen verübeln. In meinem Portfolio war Grenke bemerkenswert, welches ein Schlachtfeld der Leerverkäufe ist und in dieser verrückten Zeit nachrichtenlos an einem einzigen Tag um 16% gestiegen ist.

Wer am Ende gewinnt, ist noch unklar. Einer durch wallstreetbets direkt angesprochenen Hedgefonds, Melvin Capital, gerieten in Not. So musste der 13 Milliarden Dollar schwere US-Fonds mit 2.75 Mrd. USD von den Investmenthäusern Citadel und Point72 gestützt werden, um vielleicht die größte Hedgefonds-Pleite seit 1990 zu vermeiden. Melvin hat im Januar ein Verlust von über 50% auf sein Portfolio eingefahren. Insgesamt wird spekuliert, dass die gesamte Hedgefondsbranche über 90 Mrd. USD verloren hat.

So sehr ich im ersten Moment den Aufstand der Privatanleger gegen die große Finanzhäuser bewundere, für ebenso gefährlich halte ich ihn für die Freiheit und Stabilität des Marktes. So wurde auf einigen Neobroker kurzzeitig im Namen des Anlegerschutzes Kaufsperren für die oben genannten Unternehmen und weitere Titel eingerichtet, sodass die Anleger diese nur noch verkaufen konnten. Auf den ersten Blick, ein mehr als fragwürdiges Vorgehen. Wenn man sich allerdings ein Video vom Interactive Broker CEO von Donnerstag anguckt, einer der größten Handelsplattformanbieter der USA, und im Markt beobachten konnte, dass Robinhood alle Kapitalquellen (inkl. Notkapitalerhöhung) anzapfen musste, ist klar, dass die Neobroker und Clearinghäuser vor größeren Probleme stehen.

Was momentan im Markt passiert, ist erst einmal eine Anomalie, die nicht in der Risikovorsorge und entsprechenden Rücklagen, der Börsen und Marktteilnehmer berücksichtig ist. Und auch wenn es nur um ein paar Milliarden geht, betrifft es mit den Clearinghäusern und Brokern wichtige Marktteilnehmer. Clearinghäuser garantieren dafür, dass die Aktien geliefert und die entsprechende Forderung bei Kauf und Verkauf bezahlt werden. Normalerweise ein langweiliges, reguliertes aber einträgliches Geschäft. Broker und Depotbanken garantieren dafür, dass die Aktien im Depot der Kunden liegen und verkauft werden können. Gleichzeitig verdienen insbesondere die provisionsfreien Broker mit dem Verleihen der Aktien ihre Kunden Geld. Normalerweise stehen sich auch immer viele gegenläufige Forderungen und Positionen (Käufer und Verkäufer, long und short) gegenüber. Bei GameStop sieht es aber anders aus: vielen Käufern (insb. Kunden der Neobroker) stehen weniger Verkäufer (Shortseller, die sich insb. bei diesen Neobroker die Aktien geliehen haben) gegenüber. Wenn einer dieser Verkäufer insolvent geht (nicht unrealistisch), die Aktien selbst aber nicht besitzt, dann müssen die Clearinghäuser bzw. die Broker dafür geradestehen. Wenn die Risikovorsorge aber nicht ausreicht bzw. es die Aktien am Markt nicht gibt, gibt es eine Kettenreaktion mit ungewissem Ausgang.

Man muss auch nicht um den heißen Brei herumreden, sich in einem Forum abzusprechen. eine Aktie nach oben zu kaufen, um einen Leerverkäufer herauszudrängen, ist Marktmanipulation und verboten, auch wenn der Tatbestand im Gesetzt vage formuliert ist. Es ist verboten, Informationen zu verbreiten, die falsche oder irreführende Signale hinsichtlich des Angebots oder des Kurses eines Finanzinstruments geben oder ein künstliches Kursniveau herbeiführen. Ein künstliches Kursniveau ist aber von dem Nutzer und Lesern der Neobroker und wallstreetbets herbeigeführt worden, wenn es ihnen beim Kauf darum ging, den Kurs in die Höhe zu treiben – was nach Sichtung der Kommentare auf wallstreetsbets anzunehmen ist, da man damit ja die Hedgefonds herausdrängen wollte. Dies gerichtsfest nachzuweisen, steht allerdings auf einem anderen Blatt.

Leerverkäufe, sowenig ich sie bewundere, haben auch positive Effekte für den Markt. Sie bringen Liquidität. Das zu ignorieren und alle Leerverkäufer negativ über einen Kamm zu scheren, ist kurzsichtig. Natürlich versuchen Leerverkäufer von Krisen zu profitieren. Es ist das Naturell des Leerverkaufs. Verwerflich wird es, wenn sie versuchen, diese selbst auszulösen. Siehe dazu die Geschichte um Grenke im letzten Jahr. Bei GameStop, AMC, Blackberry und Bed, Bath & Beyond (zu denen ich auch schon ein Video gemacht habe) ist dies aus meiner Sicht aber nicht der Fall. Das was passiert ist, wird Spuren hinterlassen, die uns alle treffen werden.

Nachspiel

Es ist schwer zu sagen, was jetzt passieren wird. Ich denke, viele Privatanleger und Hedgefonds, werden Geld verlieren. Die Kettenreaktion, die diese Anomalie im Markt auslöst oder nicht, kann ich nicht abschätzen. Ich könnten mir aber vorstellen, dass der Optionshandel und Leerverkäufe stärker reguliert wird. Leerverkäufe über 100% des frei handelbaren Aktienkapitals sollte grundsätzlich nicht möglich sein, aber auch uneingeschränkter Optionshandel und damit einhergehender Leverage sollte für Privatanleger nicht so einfach möglich sein. Werbung für Trading-Apps, Aktien und Spekulationen könnte eingeschränkt werden. Bzw. die Behörden könnten die bestehenden Regeln stärker umsetzen. Provisionsfreier Aktienhandel, bezahlt über die Daten der Nutzer, das Verleihen von Aktien und den Spread der Börsen, könnten verboten werden. Das Thema Börsenumsatzsteuer und Spekulationssteuer könnte, nicht ungerechtfertigt, Rückenwind bekommen.

Die gesamte Finanzbranche schaut diese Woche gespannt zu, wie es weitergeht. Wie habt ihr die Situation bisher wahrgenommen? Was ist eure Meinung dazu?

Disclaimer:

Die Informationen in diesem Dokument sind das Ergebnis einer Eigenrecherche und stammen aus Quellen. die der Autor für zuverlässig hält. Darüber hinaus hat der Autor darauf geachtet. dass die dargelegten Fakten und Meinungen angemessen und zutreffend sind. Dennoch kann für die Richtigkeit, die Vollständigkeit und die Genauigkeit keine Haftung übernommen werden. Insbesondere stellt dieses Dokument keine Handlungsempfehlung dar und ist auch nicht als solche auszulegen. Die Ausführungen sind keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren und stellen auch keine Aufforderung dar einen Kauf oder Verkauf von Wertpapieren zu unterlassen. Wertpapiergeschäfte sind mit grundsätzlichen Risiken behaftet. Dies ist im Extremfall der Verlust des gesamten investierten Betrags. Der Kauf der beschriebenen Wertpapiere kann für die individuelle Anlagestrategie des Anlegers ungeeignet sein. Eine Entscheidung zum Kauf oder Verkauf der beschriebenen Wertpapiere sollte nicht auf Basis dieses Dokuments allein geschehen. Der Autor rät zur Beurteilung der genannten Wertpapiere die Einholung von darüber hinausgehenden Informationen. Durch die Nutzung dieses Dokuments akzeptieren Sie jeglichen Haftungsausschluss des Autors sowie alle vorgenannten Beschränkungen. Dieses Dokument ist urheberrechtlich geschützt. Der Autor handelt selbst in dem hier vorgestellten Wertpapier.

[1] Ich zitiere hier aus wallstreetbets, aber ein Begriff der es prägnanter auf den Punkt bring, fällt mir nicht ein.

6 Kommentare
  1. Piet Franken sagte:

    Also ich frage mich hierbei immer, mit welcher Motivation Aktien überhaupt verliehen werden. Wenn ich das richtig verstehe, leihen sich die potentiellen Short Seller Aktien bei anderen Fonds. DIese bekommen natürlich eine Leihgebühr aber die wird doch niemals den Kursverlust ausgleichen, der von demjeneigen, der die Aktien leiht ja beabsichtigt wird. Wo liegt daher das Interesse der Fonds, die ihre Aktien zu diesem Zweck verleihen? DIe leiden doch am Ende, wenn der Plan aufgeht unter den Kursverlusten.

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    • Till Schwalm sagte:

      Des Weiteren müssen es nicht die Fonds sein, dir ihre Aktien verleihen, sondern die Depotbanken selbst. Die haben in keine Richtung Interesse, sondern wollen nur die Leihgebühren vereinnahmen. Wenn möglich versuche ich das für die von mir gemanagten Depots auszuschließen. Bei einigen wenigen (teuren) Brokern ist das möglich, bei allen günstigen E-Brokern nicht. Fonds schließen eine Leihe auch oft vollständig aus, sind dann aber meisten die teuren Fonds. ETF z.B. machen einen großen Teil ihre Einnahmen über das verleihen der Wertpapiere in ihrem Depots. In einem normalen Markt ist das auch alles kein Problem. Aber wie schon beschrieben, was bei GameStop passiert ist erstmalig und momentan noch als Anomalie zu betrachten.

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