Kein Vertrauen durch Transparenz

Transparenz vs. Vertrauen

Wer nichts zu verheimlichen hat, hat kein Problem mit Transparenz. Das ist falsch. Man möchte die Kontrolle behalten. Darüber wem man seine Informationen zur Verfügung stellt und wem nicht.

Seit ich angefangen habe zu arbeiten, teile ich nicht mehr alle Informationen über Unternehmen, die ich analysiere, frei mit. Der Grund ist klar: Ich bin Finanzanalyst. Mein Beruf besteht darin, Informationen über Unternehmen zu sammeln und auszuwerten. Würde ich diese jedem mitteilen, würde meine Firma einen Teil ihres Wettbewerbsvorteils verlieren.

Vor diesem Kontext denke ich seit mehreren Monaten über die Frage der Menge Transparenz nach, die unsere Gesellschaft braucht. Meine Firma versucht Transparenz zu leben. Unseren Anlegern wird gezeigt, welche Philosophie wir verfolgen, wie wir Unternehmen auswählen und analysieren, wer die Unternehmen analysiert, wer Entscheidungen trifft und wieviel des Portfolios wir in welche Aktie investiert haben. Was ihnen nicht gezeigt wird, ist die einzelne Analyse und wie wir darauf basierend konkreten entscheiden. Obwohl Transparenz wichtig ist, gibt es also eine klar definierte Grenze. Und hier ist das eigentlich Interessante: statt mehr Transparenz zu liefern, erwarten wir von unseren Anlegern Vertrauen in unsere Analysen und Entscheidungen.

Kein Vertrauen durch Transparenz

Wenn ich jedoch der öffentlichen Diskussion über Politik, Banken und der Gesellschaft zuhöre, dann vernehme ich oft das Motto: „Vertrauen durch Transparenz“. Dort wo absolute Transparenz herrscht, besteht aber keine Notwendigkeit mehr für Vertrauen. Dies gilt für alle Bereiche des Lebens, nicht nur im Fondsmanagement und Geschäftsleben. Um Missverständnisse zu vermeiden, ich bin nicht gegen die Bekämpfung der Korruption im Namen der Transparenz oder gegen ein gewisses Mass an Transparenz in der Finanzbranche, diejenige zum Beispiel die Insiderhandel aufdeckt und damit deren Entstehung verhindert. Sie ist begrüßenswert, solange sie nicht dem Ruf der totalen Transparenz unterliegt.

Wichtig bei der Diskussion um Transparenz ist, im Kopf zu behalten, dass Transparenz im Generellen kein Vertrauen schafft, sondern die Basis für Kontrolle ist. Vertrauen heisst trotz Unwissenheit eine positive Beziehung zu jemandem aufzubauen. Dies braucht in erster Linie Zeit und nur in zweiter Linie einen gewissen Grad an Informationen. In einer vollkommen transparenten Gesellschaft erübrigt sich jedoch jede Art des Vertrauens und an ihre Stelle tritt die Kontrolle. Eine Kontrolle, die aufgrund der Informationen, die zur Schaffung dieser absoluten Transparenz zur Verfügung gestellt werden müssten, nicht sinnvoll ist.

Vertrauen brauch Zeit

An der Stelle des Vertrauens sollte nicht die Transparenz als neues gesellschaftliches Prinzip treten. Die bestehende moralische Instanz sollte beibehalten werden. Hierbei geht es mir nicht um blindes Vertrauen, sondern um ein qualifiziertes Vertrauen. Dieses entsteht, wenn man sich Zeit nimmt über Entscheidungen, Informationen und die Personen und Systeme dahinter nachzudenken. Nicht aber, wenn man alle Informationen vollständig zur Verfügung hat und diese selbstständig kontrollieren muss. Um auf mein eingangs gewähltes Beispiel zurückzukommen: Es geht darum, Transparenz zu dem Grad zu schaffen, dass ein informierter Anleger die Entscheidung treffen kann dem Management eines Fonds zu vertrauen. Im Moment habe ich aber das Gefühl, dass unsere Gesellschaft nach der Finanzkrise und Skandalen wie Prokon oder S&K sich in eine Richtung bewegt in der Transparenz sowohl für den ehrlichen Geschäftsmann, als auch für den Anleger zum Hindernis wird.

Auf meiner Recherche über das Thema bin ich noch auf einen interessanten Artikel auf Zeit online gestossen „Transparent ist nur das Tote“. Was denkt ihr über Transparenz? Brauchen wir mehr oder weniger? Bewegen wir uns auf allumfängliche Kontrolle zu? Oder reicht die Transparenz noch nicht aus um qualifizierte Entscheidungen zu treffen?

5 Kommentare
  1. Sebastian sagte:

    Hallo Till, Ich bin nicht mit deiner Analyse einverstanden. Die Aussage unterstütze ich zwar vollständig, aber der Gedankengang ist genauso unausgegoren wie die Forderung nach mehr Transparenz selbst. Transparenz und Vertrauen stehen sich nicht diametral gegenüber. Nehmen wir beispielhaft an, ich lege mein Geld über einen Fond an und dieser Fond stellt mir sämtliche Arbeitsunterlagen zur Verfügung. Trotz dieser Transparenz stütze ich mich lieber auf Vertrauen und schaue die Unterlagen nie durch. Warum auch? Ich kann und will nicht. Erstens fehlt mir das Know-How, zweitens kostet es mich unmengen an Zeit. Stattdessen vertraue ich lieber auf die Kompetenz des Fondmanagers. Dass Transparenz an sich Vertrauen nicht ersetzen kann, ist trivial. Warum also der Schrei nach Transparenz? Kontrolle ist ohne Transparenz ist _nicht_ möglich. Das ist wieder trivial, ohne Einsicht der Akten kann man diese nicht kontrollieren. Diese Kontrolle ist wiederum sehr kosten- und zeitintensiv. Warum also Kontrolle? Wie transparent ist der Kontrolleur? Wer kontrolliert ihn?Wer kontrolliert? Der Staat. Ich glaube, das Vertrauen der Bevölkerung ist nicht verschwunden ist, sondern nur gewandert; vom Kontrollierten zum Kontrolleur. Am Ende muss man jemandem vertrauen, sonst müsste man den auch wieder kontrollieren. Daher auch die Aufschreie gegen Ratingagenturen (Das sind nur Privatfirmen???) und die verwunderten Blicke, wenn ich wieder einmal erkläre, dass Wirtschaftsprüfer nicht direkt für den Staat arbeiten. Ob das ein Phänomen des Sozialstaates oder Wirtschaftskrisen ist, überlasse ich den Polemikern.

  2. Till Schwalm sagte:

    Hallo Sebastian, vielen Dank für deinen Kommentar. Ich stimme deiner Argumentation nicht zu, auch wenn ich meine nicht für ausgegoren halte. Aus diesem Grund liebe ich Kommentare, die mich und meine Gedankengänge hinterfragen. Transparenz, oder vielleicht genauer die Forderung nach Transparenz, und Vertrauen stehen sich nach meiner Meinung gegenüber. Ich sehe keinen Wechsel des Vertrauens vom Kontrollierten zum Kontrolleur. In dem Moment in dem die Transparenz herrscht, die einen in die Lage versetzt zu kontrollieren, auch wenn dies mit soviel Aufwand verbunden ist, dass das nicht jeder möchte, benötigt man kein Vertrauen mehr. Jeder könnte kontrollieren. Vielleicht ein einfacheres Beispiel: In einer Beziehung in der mein Partner sämtliche Passwörter etc. hat, gibt es kein Vertrauen, dass E-Mail & Co. nicht zum Betrügen verwendet wird. Der Gedankengang wird sein: Er/Sie betrügt mich nicht über das Medium, da ich nachgucken könnte. Dies ist nach meiner Meinung aber kein Vertrauen. Dieser einfache Sachverhalt lässt sich auf komplexere übertragen, solange Transparenz geschaffen wird, die einen in die Lage versetzt zu kontrollieren. Bei Transparenz wird der Gedankengang immer sein, ich kann kontrollieren, deshalb wird der andere nicht schlecht handeln. Diese Art Transparenz lässt kein Raum für Vertrauen. Dabei baut unsere Wirtschaftssystem in erster Linie auf Vertrauen und nicht auf Kontrolle.

  3. Ceko sagte:

    Wer die gleichen Aktien kauft wie alle anderen, hat auch die gleiche Performance.“ – Sir John Templeton- das ist so nicht ganz richtig, auch wenn der Spruch cool klingt. Wer die gleichen Aktien kauft wie alle anderen, nur zu einem besseren Zeitpunkt, und einer anderen Gewichtung einzelner Titel, kann sehr wohl die gleichen Aktien besitzen, aber dennoch eine bessere Performance erzielen. BG Ceko

  4. Rico sagte:

    Transparenz ist in der Tat immer eine Grauzone. Ist sie freiwillig, dann lässt sich nur wenig dagegen sagen. Jedoch heißt transparenz nicht, ALLES offenzulegen. Denn dann tritt das Problem auf, dass sich derjenige verdächtig macht, der nicht transparent genug ist. Letztendlich ist doch aber nicht die Frage entscheidend, wie transparent jemand ist, sondern welche Auswirkungen und Resultate er erzielt. Es gibt durchaus auch Fälle, wo trotz Transparenz sogar eher schlechte Ergebnisse erzielt werden. Transparenz ist nur ein Teil: Wie bei Informationen kommt es nicht darauf, dass man sie hat, sondern, was man damit anstellt.

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