Ursachen der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands

Was ist die Ursache der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands? In meinen Augen gibt es nicht den einen Grund, der ausschlaggebend für die positive deutsche Leistungsbilanz ist. Wobei der Euro und die innerdeutsche Wiedervereinigung als Bedingungen eine grosse Rolle spielen und die Wirtschaftskrise 2007 den Anlass für die heutige Situation gibt.

Die Wiedervereinigung

In Deutschland gab es mit der Wiedervereinigung eine Reihe von Gründen, die uns einen Vorteil gegenüber anderen Ländern, insbesondere unseren unmittelbaren Nachbarn, gebracht haben. So hat eine funktionierende Marktwirtschaft 108.179 Quadratkilometer Land und ca. 17 Mio. neue Konsumenten über Nacht gewonnen. Dies hatte in meinen Augen zur Folgen, dass die industrielle Basis nicht wie in vielen anderen Ländern in den 90er Jahre weiter abgebaut worden ist, sondern bestehen blieb. Gleichzeitig hat die Wiedervereinigung die Sozialsysteme stark belastet, so dass Reformen in deutschen Sozialsystemen früher als in anderen Ländern nötig waren.

Deutschland hat in meinen Augen mit den Harz IV Reformen und einer relativ starken Industrie, die seit Beginn des neuen Millenniums von den Schwellenländern verstärkt benötigt wird, eine vorteilhafte Ausgangssituationen bekommen. Deutschland hat im Standortwettbewerb insbesondere Frankreich, Spanien und Italien abgehängt. Und dies führt mich zu meiner zweiten Bedingung, die ebenfalls eine grosse Rolle gespielt hat – der Euro.

Der Euro

Wenn man den Zusammenschluss der EWG als erste Stufe eines vereinigten Wirtschaftssystem in Europa sieht. Die Einführung des Euros als zweite Stufe sieht. Dann hätte man vor zehn Jahren den Versuch zur dritten Stufe unternehmen müssen. Bei der gesichert wird, dass alle Regionen eine ähnliche Wettbewerbsfähigkeit aufweisen. Dies wurde nicht unternommen.

Seit der Einführung des Euros 1999 gibt es zwischen den teilnehmenden Ländern keine Wechselkurse mehr. Der grosse Vorteil für alle ex- und importierenden Firmen sowie Touristen und Reisende ist, dass das Wechselkursrisiko in Form von Ab- und Aufwertungen seitdem der Vergangenheit angehört. Auf der anderen Seite haben genau diese Wechselkursänderungen in jener Vergangenheit oft dafür gesorgt, dass Länder, die stärkere Lohn- und Preissteigerungen als ihre Handelspartner aufwiesen, die Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnen konnten. Dies ist in einer Währungsunion nicht mehr der Fall. Deswegen hat die Lohnzurückhaltung in Deutschland durch die Harz IV Reformen einen höheren Wettbewerbs- und Beschäftigungsgewinn gebracht, als dies mit der D-Mark möglich gewesen wäre. In meinen Augen hätte die Zunahme der deutschen Wettbewerbsfähigkeit in den letzten Jahren ohne diesen Effekt nicht in einer so starken Form stattgefunden. Deutschland ist zu billig, Südeuropa und viel andere Teil der Welt sind zu teuer.

Die Folgen

Die Wirtschaftskrise hat dieses Ungleichgewicht dann schonungslos aufgedeckt. Seit dem belastet der Standortwettbewerb den Euro und die Beziehung Deutschlands zu anderen Staaten. Dass es keine „internationale Wettbewerbsfähigkeit“ für ein ganzes Land, sondern nur für nationale Branchen, a lá David Ricardo gibt, sehe ich nicht. Theoretisch mag es so ein Gleichgewicht geben: die einen produzieren ausschliesslich Wein, die andern ausschliesslich Tuch. Praktisch löst sich ein Standortvorteil, wie Deutschland ihn besitzt, aber nicht über Nacht in Luft auf. Realistisch betrachtet, ändert sich unsere Wirtschaft zu schnell und Strukturen, Warenflüssen und Geschäftsbeziehungen passen sich nicht in der Geschwindigkeit an, wie Ricardo es in seinem Model annimmt.

7 Kommentare
  1. Horsti sagte:

    Aus sich des Ingenieurs und Nichtökonomen wurde die deutsche Stärke insbesondere über eine seit zig Jahren anhaltende Lohnzurückhaltung erarbeitet. Konsequenz ist die Senkung der Lohnstückkosten aber auch ein gefährlich niedriges Binnenkonsumniveau. Wir waren jahrelang Exportweltmeister bzw. Vizeweltmeister, was, betrachtet man den Zahlungsstrom, dazu führt, dass wir Autos und Maschinen en masse exportieren und dafür Schuldscheine aus ver- und überschuldeten Volkswirtschaften erhalten/erhielten. Summa summarum läuft es darauf hinaus, dass die Schuldner in Insolvenz oder zumindest Teilinsolvenz (Schuldenschnitt) gehen, was ergo dazu führt, dass wir einen Großteil unserer Waren letztlich verschenkt haben. Tolles Geschäft. Unter dem Strich ist eine dermaßen aufgeblähte Exportwirtschaft genau so gefährlich, wie die amerikanische Importwirtschaft. Nur ist deren lage komfortabler, da Importeure die Zeche über Abwertung etc. prellen können aber Exporteure im worst case für lau gearbeitet haben. So einfach sieht ein Ingenieur die Welt. Aber ich fürchte, mein Bild ist beim Blick auf Südeuropa und USA nah an der Realität.

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  2. Robert Michel sagte:

    Ob die Waren attraktiv sind, ist letzten Endes auch nur eine Frage des Preises, denn Autos und Maschinen werden auch z.B. in Spanien gefertigt. Am Ende läuft es doch auf die Frage hinaus, warum die Spanier, anstatt ihr Maschinen bei ihren eigenen Herstellern zu kaufen, diese lieber aus Deutschland beziehen und die frei gewordenen Ressourcen verwenden um eine Immobilie nach der anderen hoch zu ziehen. Die Antwort, weil die Deutsche Maschine billiger ist, greift zu kurz, denn dann ist offen, was die Ursache dafür war. Die Ursache liegt in den geringen Investitionen in Deutschland. Wegen denen die Geldmenge von Deutschland in die Euro-Peripherie verlagert wurde, das hatte zur Folge das die Inflation in der Peripherie höher war als in Deutschland und diese so nach und nach intern aufwertete. Der treibende Faktor hinter dieser Entwicklung waren die Kapitalströme und nicht die Warenströme. Das lässt sich anhand der Wirtschaftsdaten sehr einfach nachvollziehen. In der Zeit in der die Grundlagen für die Exporterfolge gelegt wurden, sah sich Kanzler Schröder dazu genötigt, die Agenda-Reformen durchzusetzen. Hätte er dazu einen Anlass gehabt, wenn Deutschland ein attraktiver Standort gewesen wäre?

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  3. Robert Michel sagte:

    Du übersieht einen wichtigen Faktor: Die Exportstärke wird mit einer Schwäche bei den Inlandsinvestitionen erkauft. Da die Zahlungsbilanz stehst ausgeglichen ist, ist ein Exportüberschuss nur möglich, wenn gleichzeitig auch Kapitalexportiert wird. Das heißt, wir haben eine relativ Gute Ersparnis, investieren aber nicht im Inland, sondern exportieren Güter und Kapital. Die Frage müsste also nicht lauten, warum ist Deutschland so wettbewerbsfähig, sondern warum ist es so unattraktiv in Deutschland zu investieren.

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    • Till Schwalm sagte:

      Du hast Recht, dass die Zahlungsbilanz ausgeglichen ist, d.h. Leistungs- und Kapitalbilanz als Saldo immer 0 aufweisen muss. Allerdings wird bei Wettbewerbsfähigkeit immer nur auf den Unterschied in der Leistungsbilanz geguckt. Was meiner Meinung nach auch korrekt ist. Denn in diesem Fall gibt es keine Henne-und-Ei-Problematik. Zuerst muss man Waren und Dienstleistungen verkaufen, bevor man die erbrachte Leistung in Form von Kapitalgewinnen anlegen kann. D.h. es ist nicht zuerst die Frage zu stellen, warum Deutschland so unattraktiv zum Anlegen ist, denn wenn unsere Waren und Dienstleistungen nicht so attraktiv auf dem Weltmarkt wäre, hätten wir auch nicht das Kapital dieses ausserhalb von Deutschland anlegen zu müssen.

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  4. Zazaz sagte:

    Ich sehe die Ursachen etwas anders. Deutschland hat ein zuverlässiges und effektives Rechtssystem, gute Infrastruktur, gut ausgebildete Arbeitnehmer und wenig Korruption. Das reicht, um die hohen Kosten, Abgaben und Bürokratie auszugleichen und im Ergebnis wettbewerbsfähiger als viele andere europäische Staaten zu sein.

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    • Till Schwalm sagte:

      Die Frage ist, warum Deutschland international so wettbewerbsfähig ist? Nicht nur auf europäischer Ebene und warum die theoretischen Ausgleichsmechanismen nicht zu funktionieren scheinen. Ein nationaler komparativer Kostenvorteil lässt sich nicht mit ein effektives Rechtssystem, gute Infrastruktur und gut ausgebildete Arbeitskräfte erklären. Es müsste bei einem starken Ungleichgewicht immer einen Ausgleich geben, gibt es zurzeit aber anscheinend nicht. Es müsste Produkte/Dienstleistungen gebe, die es sich lohnt in einem anderen Land herzustellen, obwohl dies absolut teurer ist, wenn wir dafür andere Produkte/Dienstleistungen relativ sehr viel billiger herstellen können. Jetzt wäre ein Argument: Deutschland ist nie voll ausgelastet und kann deshalb auch Produkte herstellen, die keinen komparativen Kostenvorteil haben. Die darauf folgende Frage wäre, warum ist Deutschland nie voll ausgelastet? Und darauf folgt die Frage, was hat Deutschland zu so hohen Kapazitäten im Vergleich zu seinen Handelspartner verleitet? Bzw. was ist in den letzten Jahrzehenten in Deutschland anders gelaufen? Meine Antwort liefert der Kommentar.

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  5. rupi sagte:

    relativ kurz gehalten 🙂 wer sich mehr dafür interessiert, kann sich gerne mal durch das buch vom sarazin (d. braucht den € nicht) arbeiten! ganz wertfrei: eine interessante aufstellung vieler gesichtspunkte, ob man sie so deutet will wie er, ist jedem selbst überlassen, aber viele fakten kompakt zusammengetragen und durchaus tiefgehend recherchiert!

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